Die Tragik der Verbesserung: Wie wir versuchen, unsere Gedanken zu bewahren.

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Hast du als Kind auch Was-ist-Was-Bücher gelesen? Dann erinnerst du dich vielleicht an die Illustration, in der ein bärtiger Gelehrter namens Pythagoras mit nachdenklichem Blick und einem Stock Dreiecke in den Sand zeichnet.

Den Gedanken festhalten:
Er nahm, was da war.

Ein Regenguss, ein unachtsamer Fußstapfen — und alles war dahin. Ein Ärgernis auch, dass man die Zeichnung nicht gut aufbewahren und weitertragen konnte. Pergament war hier die Lösung. Was für eine Veränderung! Doch man musste es beschaffen. Es war teuer. Und man brauchte eigene Werkzeuge zum Schreiben.

Den Gedanken festhalten:
Es war komplexer geworden.

Zweitausend Jahre später hatte Papier das teure Pergament abgelöst. Es war billig in der Herstellung, leicht im Gewicht und vielseitig einsetzbar. Jeder konnte jetzt schreiben. Seit Jahrhunderten füllt Papier Bücherregale, Schulranzen und Aktendeckel — der Informationsträger schlechthin.

Den Gedanken festhalten:
Nie war es so einfach.

Nur: den Gedanken weitertragen, das war immer noch schwierig. Postkutschen und Postautos, sogar Postflugzeuge dienten dem Weitertragen. Und doch wurde all das schließlich von elektronischer Post abgelöst. Ein Fingertipp, und Informationen reisen über Kontinente, landen in Chats, Mails, Clouds, Feeds — überall gleichzeitig. Den Gedanken weitertragen: ein Kinderspiel.

Den Gedanken festhalten?
Wieder eine Herausforderung.

Das Pergament der Gegenwart sind unsere Endgeräte. Wir müssen sie beschaffen und unterhalten. Und wieder brauchen wir spezielle Werkzeuge, um überhaupt schreiben zu können. Und trotzdem fällt es uns schwerer denn je, unsere Gedanken zu behalten.

Es steckt darin ein Muster, das sich durch die Geschichte zieht. Immer dann, wenn wir Gedanken besser festhalten wollen, erfinden wir ein neues Medium. Immer dann, wenn wir Gedanken besser weitertragen wollen, verändern wir die Werkzeuge. Und mit jedem Fortschritt tauschen wir ein Problem gegen ein anderes.

Der Gelehrte im Sand verlor seine Dreiecke an Regen und Wind. Die Schreiber des Mittelalters verloren Zeit und Geld an Pergament, Federn und Tinte. Wir verlieren heute unseren Fokus an Geräte, Apps, Konten, Systeme — und hoffen dabei auf Reichweite.

Geblieben ist der Wunsch, Gedanken festzuhalten und in die Welt zu tragen, ohne an den Werkzeugen zu scheitern. Denn es sind die Werkzeuge, die unsere digitale Transformation prägen. Nicht mehr unsere Gedanken bestimmen, was wir für möglich halten und zu wissen versuchen, sondern die neuen Werkzeuge. Sie vergrößern nicht unser Wissen, sondern die Lücken.

Im Grunde hat es sich immer so verhalten. Neu ist nur ihre schiere Zahl. Und weil heute vor jeder Einsicht der Überblick steht, weicht das Bedürfnis, einen Gedanken zu durchdringen, dem Bedarf, diese Lücken zu schließen, um überhaupt Orientierung zu behalten. Wir erleben Fragmentierung und fürchten, etwas zu versäumen — und verbringen doch mehr Zeit in immer weniger Apps.

Die digitale Transformation folgt der Dynamik unserer Mediengeschichte. Sie macht das Weitertragen leichter und das Festhalten schwerer. Nichts bleibt einfach. Und alles wird komplexer.

Beige Stofftasche mit handgezeichneten Motiven eines Kindes: Laptop, Controller, Autos, Schriftzug ‚Satz des Pythagoras‘ und eine skizzierte Pythagoras-Darstellung mit Quadraten über den Dreiecksseiten.
Eine Kinderzeichnung, die vom Controller bis zum Pythagoras-Beweis reicht: Ein Achtjähriger greift nach Stofftasche und Filzstift – und setzt damit fort, was seit Jahrtausenden unsere Mediengeschichte antreibt: den Wunsch, etwas zu verstehen und festzuhalten. Und plötzlich wirkt die Geschichte des Festhaltens und Weitertragens erstaunlich lebendig.